AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 11 - 1/2001
   

Bürgerschaftliches Engagement in Baden-Württemberg

Von Eleonore Meyer,Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Bürgershaftliches Engagement/Seniorengenossenschaften e.V.(ARBES)

Seit nahezu zehn Jahren ist in Baden-Württemberg eine stetige Entwicklung auf dem Gebiet bürgerschaftlichen Engagements zu erleben, sowohl quantitativ (Baden-Württemberg hat bundesweit die höchsten Engagementquoten) als auch qualitativ, etwa in Form von Netzwerkstrukturen und kommunalen Anlaufstellen. Fünf Faktoren spielen hierfür meines Erachtens eine Rolle: die seniorenpolitischen Innovationen, die Volunteersprojekte im Land, die Lernbausteine, die Rolle der Frauen und die Vernetzung im Freiwilligenjahr 2001 (IJF 2001).

Von den Seniorengenossenschaften zur ARBES
Von einer Reise in die USA brachte der damalige Ministerpräsident Lothar Späth die Idee der Seniorengenossenschaften mit, deren Umsetzung für Baden-Württemberg im Sozialministerium durch die Einrichtung einer Geschäftsstelle erfolgte.Überall im Land fielen die innovativen Ansätze, mit welchen die Geschäftsstelle unter Leitung von Dr. Konrad Hummel die einzelnen Initiativen motivierte, auf fruchtbaren Boden.
 


Eleonore Meyer

     

Noch nie waren Seniorinnen und Senioren zu Beginn ihres Ruhestands so „jung“ gewesen, so gut ausgebildet, gesund und mobil und auch finanziell relativ gut ausgestattet wie Anfang der 90er-Jahre. Hinzu kamen eine große Zahl von Menschen, die im Alter von 55 –58 Jahren in den Vorruhestand gingen. Natürlich hatten viele aus dieser Zielgruppe bereits Erfahrungen im ehrenamtlichen Engagement vorzuweisen. Hier sind es gerade Frauen, für welche dieser Begriff einen schalen Geschmack bekommen hatte. Waren sie doch lange Zeit diejenigen, welche die Arbeit verrichteten, jedoch kaum in Vorstandsebenen vorstoßen konnten. Die Diskussion über das NEUE im Engagement war längst überfällig. Außerdem fanden Entwicklungen in Europa Beachtung und lösten in Baden-Württemberg ein Echo über das gesamte Spektrum der Freiwilligenarbeit aus. Für viele waren die Seniorengenossenschaften genau das, worauf sie gewartet hatten. Seniorinnen und Senioren waren frei von Arbeitsmarktsorgen und fanden deshalb interessiert Zugang zu dieser Entwicklung. Nach der Devise, selbstbestimmt, selbstorganisiert neue Betätigungsfelder zu finden, für sich und für andere etwas Sinnvolles zu tun, machte auch jenen Mut zum Engagement, welche leidvolle Erfahrungen im Ehrenamt hinter sich hatten.

Grundsätze und Leitgedanken der Volunteers
Neue Bedingungen für ehrenamtliches Engagement zu finden, bemühte man sich auch im Landkreis Esslingen. Bei den Volunteersprojekten des Landkreises – und hier entschied man sich auch für eine neue Bezeichnung – wurden Grundsätze erarbeitet, die sich als wichtige Struktur für alle Beteiligten erwiesen. So steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen, aber auch mit seinen Fähigkeiten und seiner Kompetenz im Mittelpunkt. Gewinne aus dem Tun liegen nicht im mateiellen Bereich, dafür jedoch im Gemeinschaftserleben, in der Stärkung der Persönlichkeit, der hohen Anerkennung und einem Wissenszugewinn. Grundsätzlich dürfen Volunteers keine Lückenbüßer oder billigen Hilfskräfte sein, sondern sie kümmern sich um die Lösung wichtiger Aufgaben und um Werte in der gegenwärtigen Gesellschaft. Es entstehen inzwischen überall im Landkreis Projekte für Freiwillige, vom Naturschutz bis zur Archäologie.

Auch die ARBES entwickelte Leitgedanken aus der Sicht der Bürgerinnen und Bürger, welche die Volunteers- Grundsätze beinhalteten, aber noch erweitert wurden um die Forderung nach Partnerschaftlichkeit im Umgang mit Fachkräften,Verwaltungsebenen und Verbandsstrukturen sowie die Partizipation im Gemeinwesen.

Lernbausteine: Lernen für die Bürgergesellschaft

Der Dialog zwischen Staat und Bürgerinnen und Bürgern wurde belebt. Inzwischen ist es gelungen, über die kommunale Einbeziehung die vielfältigen Formen des Engagements zusammenzuführen. So werden auch die im Internationalen Freiwilligenjahr 2001 verstärkten Bemühungen um eine weitere landesweite Vernetzung diesen Dialog voranbringen und die Kommunikation auf lokaler Ebene befruchten.

Eine den Bürgerinnen und Bürgern im Engagement besonders wichtige Perspektive ist qualifizierendes Lernen. Projekte hierfür sind beispielsweise die Sommerakademien von Bad Herrenalb. Für das Auftreten in der Öffentlichkeit, die Verantwortung in der Organisation und beim Ergreifen von Initiative in den Projekten ist es vor allem Bürgerinnen wichtig, in vielseitigen Lernbausteinen die notwendige Unterstützung zu erhalten. Gemäß einer Auswertung der Beteiligung an Fortbildungsmaßnahmen der letzten sechs Jahre waren knapp 75 Prozent der Teilnehmenden Frauen.

Die Rolle der Frauen
Von der Geschäftsstelle im Sozialministerium wurde der gemeinwesenorientierte Ansatz hervorgehoben und umgesetzt.Bürgerinnen und Bürger organisierten sich auf Landesebene in der Gründung der ARBES. Was mit älteren Menschen begonnen hatte,wurde durch vielfältige Initiativen Generationen übergreifend fortgesetzt. Bürgerbüros, Bürgertreffs, Orte für Familien, Jung-Alt-Initiativen, Kontakt- und Hobbybörsen, Tauschringe und Volunteers-Projekte entstanden mit dem Anspruch, in der Kommune Lebensqualität sichern zu helfen. Viele Kommunen sahen hier die Chance, durch eine Ermöglichungsverwaltung Bürgerschaftliches Engagement fest auf lokaler Ebene zu etablieren. Frauen und Männer in ihrem Tun ernst zu nehmen, sie dabei zu begleiten und zu unterstützen, ermöglichte in den Gemeinden, Städten und Landkreisen Ideenreichtum und mannigfaltiges Engagement.

„Weil es uns gefällt“ Auftakt zum IJF am 12.1.2001 im Haus der Wirtschaft in Stuttgart
 Foto:Kraufmann

Bald waren es wiederum in vielen Einrichtungen die Frauen, welche pragmatisch die eigenen guten Erfahrungen mit der Enkelgeneration und ihren neuen Ideen in Projekten gemeinsam mit jungen Menschen umsetzten. In den neuen Formen des Engagements wurde nicht nach Spezialisierung gefragt, sondern nach generalistischen Fähigkeiten von Bürgerinnen und Bürgern. Es sind zu zwei Dritteln Frauen, die ihren Platz im Bürgerschaftlichen Engagement gefunden haben. In der neuesten Auswertung der ARBES (Bd. 24, Schriftenreihe Sozialministerium) ist dies empirisch erfasst. Und erfreulicherweise sind es auch mehrheitlich Frauen, die in den ARBES-Vorstand gewählt sind und den Vorsitz führen.

Das Freiwilligenjahr 2001
Konsequent werden einzelne Bausteine zueinandergefügt: Kommunale Verbände, neue Initiativen wie die ARBES, Wohlfahrtsverbände und neue Methoden wie die Lernbausteine, Netzwerkstrukturen und Kampagnen („Weil es uns gefällt“) für das Freiwilligenjahr wirken ressortübergreifend zusammen. Dies wurde bei der Auftaktveranstaltung am 12. Januar in Stuttgart auf beeindruckende Weise deutlich. Vielen Frauen und Männern ist es wichtig, aktiv für demokratische Werte einzutreten.Voneinander lernen – Orte, Geschlechter, Projekte – und dies in lokalen Bündnissen und Veranstaltungen für „Bürger chaftliches Engagement“ zusammenfließen zu lassen, ist das Ziel hier im Land.

Diese Entwicklung des Bürger chaftlichen Engagements, die in Baden-Württemberg ihren Anfang hatte, setzt sich in vielen anderen Bundesländern fort – oft wird die Geschäftsstelle oder die ARBES als Berater hinzugezogen – bis hin zur Arbeit der Enquete-Kommission auf Bundesebene.
 
Näheres zu Veranstaltungen, Projekten, Adressen, Fortbildungsmaßnahmen im IJF 2001 bei: Geschäftsstelle Bürgerengagement im Sozialministerium Baden- Württemberg,
Pf 10 34 43,
70029 Stuttgart,
Fon: 0711/ 123-3679, Fax: 0711/ 123-39 89.
E-Mail: bernhard@ sm.bwl.de und www.ifj-2001.de


Das Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BE) in Baden-Württemberg

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