AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 10 - 4/2000
   

Essstörungen – eine typische Frauenkrankheit

Von Dr. Inez Gitzinger & Prof. Dr. Horst Kächele, Universität Ulm

Unter Essstörungen versteht man neben Adipositas (Esssucht) in der Regel Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Diese schweren psychosomatischen Krankheiten treten vor allem bei Mädchen und jungen Frauen auf und können tödlich verlaufen. Das durchschnittliche Alter von Anorexiepatientinnen liegt bei 15 bis 17, von Bulimiepatientinnen bei ca. 23 bis 25 Jahren. Das Verhältnis Frauen zu Männern ist 100:1 bei anorektischen und 100:3 bei bulimischen Patienten.

Seit 15 Jahren setzt sich die Universität Ulm in Kooperation mit der Forschungsstelle für Psychotherapie in Stuttgart mit diesem Thema wissenschaftlich auseinander. An einer langjährig durchgeführten Studie zu Aufwand und Erfolg bei psychodynamischer Therapie von Essstörungen beteiligten sich mehr als 100 unterschiedliche – darunter 40 bis 50 stationäre –Einrichtungen bundesweit. Bei den untersuchten 1.171 Personen (30,3 % Anorexia nervosa, 55,3 % Bulimia nervosa, 14,4% Doppeldiagnosen) ergaben sich deutliche Unterschiede in den Krankheitsbildern ¹.

Mit der Frage, warum von diesen Störungen fast nur Frauen betroffen sind, befasste sich 1990 ein internationaler Kongress an der Universität Ulm ². Als Grundursachen wurden „das herrschende Schönheitsideal “ ebenso wie „gesellschaftliche Aspekte“, „sexueller Missbrauch“ oder „familiäre Bedingungen“ diskutiert . Eine Vielzahl der aufgeworfenen Fragen blieb -und bleibt - letztendlich unbeantwortet . Dies mag an ihrer Komplexität liegen, aber auch an mangelnder Bereitschaft, sich damit zu befassen, dass es sich bei diesen Störungen nicht mehr nur um Störungen als Symptome von Frauen in einer Übergangsgesellschaft handeln kann, sondern dass diese eine gewisse Funktion zu erfüllen scheinen. Damit sind auch emanzipatorische Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft gemeint, die pathologisch am Körper der Frau abgehandelt werden, d. h. sich krank machend auf Frauen auswirken. Die Frage der Körperlichkeit von Frauen (Körperbild/Körperbewusstsein) muss sich im Rahmen einer zunehmenden Virtualität gesellschaftlicher Bezüge erneut ins Blickfeld drängen. Ein Umbruch auf dem Rücken der Frauen? Schließlich sind es Fragen der Pubertät, die diese Mädchen zu beantworten suchen. Initiationsriten für Mädchen, die Eingliederung in gesellschaftliche Bezüge, sind in unserer Gesellschaft rar.

Diese Mädchen selbst würden jedoch eine solche Interpretation rigide ablehnen. Sie sind durch ihre Ess-/ Nicht-Ess-Power endlich in der (Macht-)Position, Unabhängigkeit (meist von der Mutter) zu demonstrieren. Väter werden „verführt“ durch die Hilflosigkeit (un-)gewollter Veränderungsmaßnahmen. Vielleicht erklärt dies auch ein wenig das starke männliche Interesse an der Wissenschaft vom essgestörten Körper. Rein therapeutische Beobachtungen lassen den Schluss zu, dass es sich bei Anorexie-Patientinnen mehr um die Interaktion mit den Vätern und bei Bulimie-Patientinnen um ungeglückte Mutter-Beziehungen handelt.

 


Dr. Inez Gitzinger

Die Zahl der stationär aufgenommenen Bulimiepatientinnen stieg in den letzten Jahren auf über 25 % des Gesamtanteils aller Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen.Im ambulanten Bereich dürfte die Häufigkeit aufgrund der hohen Dunkelziffer weit darüber liegen.

     
Essstörungen werden – trotz dramatisch steigender Zahlen verharmlost. Sie sind deshalb so gefährlich, weil es sich um eine gesellschaftlich akzeptierte oder gar geförderte Sucht handelt, die Sucht, schlank zu sein und Diät zu halten, und weil es eine heimliche Sucht ist, die oft so spät entdeckt wird, dass eine massive Gesundheitsgefährdung bereits bestehen kann. Essstörungen können interpretiert werden als unauffälliges, auf einen tief liegenden Identitätskonflikt verweisendes effektives Kampf-und Protestmittel von Mädchen und jungen Frauen, die hungrig nach emotionaler Nahrung sind, denen jedoch die Worte fehlen, um ihre Wünsche und Sehnsüchte auszudrücken, sie können es nur über die Manipulation ihres Körpers. Essstörungen sind die isolierte Antwort von Mädchen und Frauen auf ihr Leiden an einer Welt, die sich auf die Bewertung von Äußerlichkeiten beschränkt (vgl. Jahresbericht MädchenGesundheitsLaden 1999).
     
¹ vgl. Kächele. Eine multizentrische Studie zu Aufwand und Erfolg bei psychodynamischer Therapie von Essstörungen, PPmP. 49, 1999
² vgl. „Why women? Gender issues and eating disorders “ (Dolan, B. &Gitzinger, I. (eds 1991), European Council on Eating Disorders, London.)