| Entwicklungsaufgaben in der
zweiten Lebenshälfte
Von Prof. Dr. Andreas Kruse, Direktor des Instituts
für Gerontologie der Universität Heidelberg
Die zweite Lebenshälfte ist für Frauen und Männer
mit Entwicklungsaufgaben verbunden, von denen hier einige aus der
Perspektive der Frau dargestellt werden: Nach Abschluss der Erziehungsphase
und nach Auszug der Kinder aus dem Elternhaus gilt es zunächst,
eine neue soziale Rolle zu finden. Nicht wenige Frauen suchen nach
Möglichkeiten zum Wiedereinstieg in den Beruf, machen jedoch die
Erfahrung, für den Arbeitsmarkt nicht mehr „attraktiv“ zu sein.
Sie sehen sich stereotypen Annahmen einer immer noch von Männern
dominierten Arbeitswelt ausgesetzt:Frauen im mittleren Alter seien
nicht mehr lern- und leistungsfähig, ihr berufliches Wissen sei
veraltet und sie verfügten nicht über die für die Orientierung in
der Arbeitswelt notwendige Veränderungsfähigkeit. In mehreren Projekten
der von Boehringer Ingelheim geförderten und vom Institut für Gerontologie
der Universität Heidelberg wissenschaftlich begleiteten „Initiative
Zweite Lebenshälfte“ konnten sich interessierte Frauen auf den Wiedereintritt
in den Beruf vorbereiten (fachlich begleitete Berufspraktika eingeschlossen).
Doch nur wenige fanden einen Arbeitsplatz. Gesellschaftliche Stereotype
erwiesen sich als stärker als die persönliche Qualifikation.
Eine weitere Entwicklungsaufgabe ist die Neuorientierung
in der Partnerschaft. In mehreren Projekten der „Initiative Zweite
Lebenshälfte“ berichteten Frauen über Widerstände der Ehepartner
gegen ihren Wunsch, wieder in den Beruf einzutreten, sowie über
deren mangelndes Verständnis für ihr Bedürfnis, sich intensiver
mit der Zukunft der eigenen Person sowie der Partnerschaft auseinander
zu setzen. Nicht selten würde Ehepartnern in dieser Lebensphase
die gegenseitige Entfremdung bewusst. Die Thematisierung der Möglichkeiten
zur gemeinsamen Gestaltung der freien Zeit bildet die Grundlage
für eine neue Qualität der Ehe sowie für die Annahme des eigenen
Alters.
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Prof. Dr. Andreas Kruse ist Vorsitzender
des 3. Altenberichts der Bundesregierung und Mitglied des Technical
Commitee der Vereinten Nationen zur Erstellung des Weltaltenplans.
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| Die Annahme des eigenen Alters
ist auch von der Fähigkeit beeinflusst, körperliche Einbußen zu verarbeiten
(was angesichts der in unserer Gesellschaft bestehenden Tendenz, die
„Attraktivität“ eines Menschen vor allem am Grad seiner „Jugendlichkeit“
zu messen, oft nicht leicht fällt) und zugleich Möglichkeiten des
persönlichen Wachstums zu erkennen und zu verwirklichen. Des Weiteren
spielt auch das Ausmaß an familiären Verpflichtungen eine Rolle. Hier
ist die Versorgung pflegebedürftiger Menschen zu nennen, die in den
meisten Familien von Frauen geleistet wird. Die Schwierigkeiten hinsichtlich
der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vieler Frauen im dritten und
vierten Lebensjahrzehnt bestehen oft ebenso im fünften und sechsten
Lebensjahrzehnt –wobei die familiären Verpflichtungen nun nicht mehr
durch die Erziehung der Kinder, sondern vor allem durch die Betreuung
von pflegebedürftigen Angehörigen bedingt sind. |