AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 10 - 4/2000
   

Entwicklungsaufgaben in der zweiten Lebenshälfte

Von Prof. Dr. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg

Die zweite Lebenshälfte ist für Frauen und Männer mit Entwicklungsaufgaben verbunden, von denen hier einige aus der Perspektive der Frau dargestellt werden: Nach Abschluss der Erziehungsphase und nach Auszug der Kinder aus dem Elternhaus gilt es zunächst, eine neue soziale Rolle zu finden. Nicht wenige Frauen suchen nach Möglichkeiten zum Wiedereinstieg in den Beruf, machen jedoch die Erfahrung, für den Arbeitsmarkt nicht mehr „attraktiv“ zu sein. Sie sehen sich stereotypen Annahmen einer immer noch von Männern dominierten Arbeitswelt ausgesetzt:Frauen im mittleren Alter seien nicht mehr lern- und leistungsfähig, ihr berufliches Wissen sei veraltet und sie verfügten nicht über die für die Orientierung in der Arbeitswelt notwendige Veränderungsfähigkeit. In mehreren Projekten der von Boehringer Ingelheim geförderten und vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg wissenschaftlich begleiteten „Initiative Zweite Lebenshälfte“ konnten sich interessierte Frauen auf den Wiedereintritt in den Beruf vorbereiten (fachlich begleitete Berufspraktika eingeschlossen). Doch nur wenige fanden einen Arbeitsplatz. Gesellschaftliche Stereotype erwiesen sich als stärker als die persönliche Qualifikation.

Eine weitere Entwicklungsaufgabe ist die Neuorientierung in der Partnerschaft. In mehreren Projekten der „Initiative Zweite Lebenshälfte“ berichteten Frauen über Widerstände der Ehepartner gegen ihren Wunsch, wieder in den Beruf einzutreten, sowie über deren mangelndes Verständnis für ihr Bedürfnis, sich intensiver mit der Zukunft der eigenen Person sowie der Partnerschaft auseinander zu setzen. Nicht selten würde Ehepartnern in dieser Lebensphase die gegenseitige Entfremdung bewusst. Die Thematisierung der Möglichkeiten zur gemeinsamen Gestaltung der freien Zeit bildet die Grundlage für eine neue Qualität der Ehe sowie für die Annahme des eigenen Alters.

 


Prof. Dr. Andreas Kruse ist Vorsitzender des 3. Altenberichts der Bundesregierung und Mitglied des Technical Commitee der Vereinten Nationen zur Erstellung des Weltaltenplans.

     
Die Annahme des eigenen Alters ist auch von der Fähigkeit beeinflusst, körperliche Einbußen zu verarbeiten (was angesichts der in unserer Gesellschaft bestehenden Tendenz, die „Attraktivität“ eines Menschen vor allem am Grad seiner „Jugendlichkeit“ zu messen, oft nicht leicht fällt) und zugleich Möglichkeiten des persönlichen Wachstums zu erkennen und zu verwirklichen. Des Weiteren spielt auch das Ausmaß an familiären Verpflichtungen eine Rolle. Hier ist die Versorgung pflegebedürftiger Menschen zu nennen, die in den meisten Familien von Frauen geleistet wird. Die Schwierigkeiten hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf vieler Frauen im dritten und vierten Lebensjahrzehnt bestehen oft ebenso im fünften und sechsten Lebensjahrzehnt –wobei die familiären Verpflichtungen nun nicht mehr durch die Erziehung der Kinder, sondern vor allem durch die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen bedingt sind.