AKTIV Frauen in Baden-Württemberg - Ausgabe 10 - 4/2000
   

Frauenärztin – ein Beruf, ein Leben für Frauen

Warum sind Sie Frauenärztin geworden?
Für mich stand bereits in meiner Jugendzeit fest: Der Beruf der Frauenärztin ist für mich der schönste Beruf, den es gibt. Eine Frauenärztin hat das große Glück, für die Frauen in allen Situationen und in allen Phasen des Lebens – von der Pubertät bis ins hohe Alter – da sein zu dürfen, sie zu beraten, zu behandeln, sie aufzuklären im Hinblick auf die Prävention von Erkrankungen und ihnen bei schweren Krankheiten und großen Operationen zu helfen, sie jedoch auch zu begleiten, wenn keine Hilfe mehr möglich ist. Die enge Bindung zu den Patientinnen, die Entwicklung gegenseitigen Vertrauens macht diesen Beruf so schön.

Sind Ihrer Meinung nach Frauen in Gesundheitsberufen diskriminiert?
Das deutsche Mutterschutzgesetz für Beschäftigte im Gesundheitswesen entpuppt sich in vielen Passagen als Berufsverbot. Eine schwangere Ärztin wird hierdurch nicht nur geschützt, sondern wie ich meine auch ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage unnötig von vielen ärztlichen Tätigkeiten fern gehalten. Dies führt leider dazu, dass in vielen Kliniken auf Grund der engen personellen Situation sehr darauf geachte wird, dass nicht zu viele Ärztinnen eingestellt werden, da eine gleichzeitige Schwangerschaft mehrerer Ärztinnen die Patientenversorgung gefährden würde. Hier besteht Handlungsbedarf. Oder denken wir nur an die üblichen Öffnungszeiten der Kindergärten, die in keiner Weise mit den Dienstzeiten in Gesundheitsberufen übereinstimmen. Dass unter den Männern Seilschaften bestehen und die Karriere von Frauen oft bewusst gebremst wird, ist ein offenes Geheimnis. Während über 50 %der Berufsanfängerinnen in Gynäkologie und Geburtshilfe Frauen sind, ist nur ein verschwindend geringer Teil der Kliniken unter weiblicher ärztlicher Leitung. Dies liegt nicht an der mangelnden Kompetenz der Frauen. Bei meinem Amtsantritt in Stuttgart musste ich selbst erleben, dass es offensichtlich sehr leicht ist, eine Frau im Gesundheitswesen öffentlich zu diskriminieren. Nach meiner Überzeugung wäre die damalige Pressekampagne mit vielen ungerechtfertigten Angriffen auch nicht in dem Ausmaß geführt worden, wenn ein Mann die Leitung der Klinik übernommen hätte.

Wurden Sie selbst gefördert?
Mein erster Chef, dem ich über seinen Tod hinaus für seine Förderung am Anfang meines Berufslebens dankbar bin, sagte zu mir einmal sinngemäß: „Frau Merkle, sie werden Ihr Ziel, zu habilitieren und die Leitung einer großen Klinik zu übernehmen, erreichen, aber sie werden dabei auch die Menschen kennen lernen und viele Enttäuschungen hinnehmen müssen.“ Ich muss heute sehr oft an diesen Satz denken. Wenn man eine Karriere plant – egal ob als Frau oder als Mann – muss man sich von Anfang an darüber im Klaren sein, dass ein täglicher enormer Zeiteinsatz und selbstständiges Handeln erforderlich sind. Man kann und darf nicht darauf warten, dass man gefördert wird. Eine derartige Hoffnung ist leider irreal.

Fördern Sie als Klinikchefin Frauen?
Ich nehme Frauenförderung sehr ernst. Wer, wenn nicht eine Frau, die die Möglichkeit hat, sollte sich dieses wichtigen Themas annehmen. In unserer Klinik sind 80 % des ärztlichen Personals Frauen, auch auf Oberarztebene. Dies nehmen unsere Patientinnen sehr positiv auf. Über die Zeitschrift Cosmopolitan fördere ich als Mentorin eine junge Ärztin auf ihrem Berufsweg. Ich arbeite auch aktiv in einem Mentorinnennetzwerk mit, das der deutsche Ärztinnenbund derzeit zur Förderung von Ärztinnen auf allen Stufen ihres Berufsweges aufbaut. Des Weiteren halte ich Vorträge vor jungen Ärztinnen, in denen ich Hilfe und Strategien zur Berufsplanung aufzeige. Ich habe nun umhabilitiert und bin Mitglied der Fakultät der Universität Tübingen. Hier wurde ich als Frau sehr offen aufgenommen und ich plane, Frauen weiterhin bei Doktorarbeiten und anderen wissenschaftlichen Arbeiten zu betreuen.

Gehen Frauen lieber zu Ärztinnen?
Diese Frage ist nicht generell zu beantworten, die Entscheidung, eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt aufzusuchen, hängt von vielen Faktoren ab. Neben der fachlichen Qualifikation ist es für die Frau vor allem wichtig, dass die Frauenärztin/der Frauenarzt zuhören kann, einfühlsam ist, sich Zeit nimmt, die Frau als Ganzes sieht mit ihrem sozialen Umfeld, und nicht nur die momentanen Beschwerden behandelt werden. Ich habe sehr viele Patientinnen kennen gelernt, die sich bewusst dafür entschieden haben, zu einer Frauenärztin zu gehen. Häufig sagen mir Frauen, dass sie mit mir Probleme besprechen können, die sie einem männlichen Arzt nicht anvertrauen würden.

Sie sehen Frauen in allen Lebensphasen. Gibt es vorprogrammierte Krisenzeiten?
Eine Krisenzeit ist sehr häufig die Pubertät mit allen Schwierigkeiten, die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Man ist nach außen hin „cool“, aufgeklärt, selbstsicher und in Wirklichkeit häufig so verletzlich, unsicher und ohne ausreichende Informationen, was in Körper und Seele vorgeht. Schwierigkeiten in der Ehe, in der Berufsplanung, Krankheit und/oder Tod von nahen Angehörigen, oft auch die Geburt eines Kindes, das man sich so gewünscht hat, mit allen Folgen der Änderung des Tagesablaufs, der Partnerbeziehung, der persönlichen Freiheiten und vielem mehr sowie später auch die Wechseljahre mit den Hormonmangelerscheinungen, der Empfindung des Verlusts der körperlichen Attraktivität, dem Verlust der Fertilität und dem Beginn eines neuen Lebensabschnitts sowie später auch das Alter häufig mit Einsamkeit, gesundheitlichen Problemen und Ängsten vor Krankheit und Tod verbunden, können bei einem Teil der Frauen zu Krisen führen.

Ist Brustkrebs die moderne Geißel der Frau?
Brustkrebs ist eine Geißel der Frau, da er die häufigste bösartige Erkrankung der Frau darstellt. Die Erkrankungen an Brustkrebs nehmen in Deutschland wie in Gesamteuropa und USA deutlich zu, während in manchen Ländern, wie z.B. Japan, Brustkrebs sehr selten ist. Wir kennen viele Risikofaktoren, jedoch keine sichere Möglichkeit der Vorbeugung von Brustkrebs. Aber trotz steigender Erkrankungshäufigkeit steigt die Zahl der Todesfälle durch Brustkrebs nicht an. Ganz entscheidend wichtig für die Frauen ist, dass die Diagnose Brustkrebs kein Todesurteil ist, dass durch bessere Früherkennung und durch viele unterschiedliche und neue Behandlungsmöglichkeiten bei vielen Frauen der Brustkrebs geheilt werden kann.

 

Interview


Frau Prof.Dr.med.Dr.med. habil.Elisabeth Merkle ist Ärztliche Direktorin der Städt. Frauenklinik Berg, Stuttgart, sowie Leiterin der dortigen Hebammenschule.Sie hat einen Lehrauftrag an der Universität Tübingen.Sie ist Mitglied der Vorstandschaf der Oberrheinischen Gesell- schaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie der Vorstandschaft der Arbeitsge- meinschaft der Chefärztinnen und Chefärzte der Gynäkologie in Deutschland.Sie ist Visitor der Bundesärztekammer (Qualitätsmanagement). Sie ist 47 Jahre alt und ver- heirate.

 

 

     

AKTIV gratuliert Frau Dr. Barbara Oettinger zum Alice-Profé-Preis. Es ist der bundesweit höchste Preis des Deutschen Sportbunds für „Frauen im Sport “.