| Frauenärztin – ein Beruf,
ein Leben für Frauen
Warum sind Sie Frauenärztin geworden?
Für mich stand bereits in meiner Jugendzeit fest: Der Beruf
der Frauenärztin ist für mich der schönste Beruf, den es gibt. Eine
Frauenärztin hat das große Glück, für die Frauen in allen Situationen
und in allen Phasen des Lebens – von der Pubertät bis ins hohe Alter
– da sein zu dürfen, sie zu beraten, zu behandeln, sie aufzuklären
im Hinblick auf die Prävention von Erkrankungen und ihnen bei schweren
Krankheiten und großen Operationen zu helfen, sie jedoch auch zu
begleiten, wenn keine Hilfe mehr möglich ist. Die enge Bindung zu
den Patientinnen, die Entwicklung gegenseitigen Vertrauens macht
diesen Beruf so schön.
Sind Ihrer Meinung nach Frauen in Gesundheitsberufen
diskriminiert?
Das deutsche Mutterschutzgesetz für Beschäftigte im Gesundheitswesen
entpuppt sich in vielen Passagen als Berufsverbot. Eine schwangere
Ärztin wird hierdurch nicht nur geschützt, sondern wie ich meine
auch ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage unnötig von vielen
ärztlichen Tätigkeiten fern gehalten. Dies führt leider dazu, dass
in vielen Kliniken auf Grund der engen personellen Situation sehr
darauf geachte wird, dass nicht zu viele Ärztinnen eingestellt werden,
da eine gleichzeitige Schwangerschaft mehrerer Ärztinnen die Patientenversorgung
gefährden würde. Hier besteht Handlungsbedarf. Oder denken wir nur
an die üblichen Öffnungszeiten der Kindergärten, die in keiner Weise
mit den Dienstzeiten in Gesundheitsberufen übereinstimmen. Dass
unter den Männern Seilschaften bestehen und die Karriere von Frauen
oft bewusst gebremst wird, ist ein offenes Geheimnis. Während über
50 %der Berufsanfängerinnen in Gynäkologie und Geburtshilfe Frauen
sind, ist nur ein verschwindend geringer Teil der Kliniken unter
weiblicher ärztlicher Leitung. Dies liegt nicht an der mangelnden
Kompetenz der Frauen. Bei meinem Amtsantritt in Stuttgart musste
ich selbst erleben, dass es offensichtlich sehr leicht ist, eine
Frau im Gesundheitswesen öffentlich zu diskriminieren. Nach meiner
Überzeugung wäre die damalige Pressekampagne mit vielen ungerechtfertigten
Angriffen auch nicht in dem Ausmaß geführt worden, wenn ein Mann
die Leitung der Klinik übernommen hätte.
Wurden Sie selbst gefördert?
Mein erster Chef, dem ich über seinen Tod hinaus für seine Förderung
am Anfang meines Berufslebens dankbar bin, sagte zu mir einmal sinngemäß:
„Frau Merkle, sie werden Ihr Ziel, zu habilitieren und die Leitung
einer großen Klinik zu übernehmen, erreichen, aber sie werden dabei
auch die Menschen kennen lernen und viele Enttäuschungen hinnehmen
müssen.“ Ich muss heute sehr oft an diesen Satz denken. Wenn man
eine Karriere plant – egal ob als Frau oder als Mann – muss man
sich von Anfang an darüber im Klaren sein, dass ein täglicher enormer
Zeiteinsatz und selbstständiges Handeln erforderlich sind. Man kann
und darf nicht darauf warten, dass man gefördert wird. Eine derartige
Hoffnung ist leider irreal.
Fördern Sie als Klinikchefin Frauen?
Ich nehme Frauenförderung sehr ernst. Wer, wenn nicht eine Frau,
die die Möglichkeit hat, sollte sich dieses wichtigen Themas annehmen.
In unserer Klinik sind 80 % des ärztlichen Personals Frauen, auch
auf Oberarztebene. Dies nehmen unsere Patientinnen sehr positiv
auf. Über die Zeitschrift Cosmopolitan fördere ich als Mentorin
eine junge Ärztin auf ihrem Berufsweg. Ich arbeite auch aktiv in
einem Mentorinnennetzwerk mit, das der deutsche Ärztinnenbund derzeit
zur Förderung von Ärztinnen auf allen Stufen ihres Berufsweges aufbaut.
Des Weiteren halte ich Vorträge vor jungen Ärztinnen, in denen ich
Hilfe und Strategien zur Berufsplanung aufzeige. Ich habe nun umhabilitiert
und bin Mitglied der Fakultät der Universität Tübingen. Hier wurde
ich als Frau sehr offen aufgenommen und ich plane, Frauen weiterhin
bei Doktorarbeiten und anderen wissenschaftlichen Arbeiten zu betreuen.
Gehen Frauen lieber zu Ärztinnen?
Diese Frage ist nicht generell zu beantworten, die Entscheidung,
eine Frauenärztin oder einen Frauenarzt aufzusuchen, hängt von vielen
Faktoren ab. Neben der fachlichen Qualifikation ist es für die Frau
vor allem wichtig, dass die Frauenärztin/der Frauenarzt zuhören
kann, einfühlsam ist, sich Zeit nimmt, die Frau als Ganzes sieht
mit ihrem sozialen Umfeld, und nicht nur die momentanen Beschwerden
behandelt werden. Ich habe sehr viele Patientinnen kennen gelernt,
die sich bewusst dafür entschieden haben, zu einer Frauenärztin
zu gehen. Häufig sagen mir Frauen, dass sie mit mir Probleme besprechen
können, die sie einem männlichen Arzt nicht anvertrauen würden.
Sie sehen Frauen in allen Lebensphasen. Gibt
es vorprogrammierte Krisenzeiten?
Eine Krisenzeit ist sehr häufig die Pubertät mit allen Schwierigkeiten,
die das Erwachsenwerden mit sich bringt. Man ist nach außen hin
„cool“, aufgeklärt, selbstsicher und in Wirklichkeit häufig so verletzlich,
unsicher und ohne ausreichende Informationen, was in Körper und
Seele vorgeht. Schwierigkeiten in der Ehe, in der Berufsplanung,
Krankheit und/oder Tod von nahen Angehörigen, oft auch die Geburt
eines Kindes, das man sich so gewünscht hat, mit allen Folgen der
Änderung des Tagesablaufs, der Partnerbeziehung, der persönlichen
Freiheiten und vielem mehr sowie später auch die Wechseljahre mit
den Hormonmangelerscheinungen, der Empfindung des Verlusts der körperlichen
Attraktivität, dem Verlust der Fertilität und dem Beginn eines neuen
Lebensabschnitts sowie später auch das Alter häufig mit Einsamkeit,
gesundheitlichen Problemen und Ängsten vor Krankheit und Tod verbunden,
können bei einem Teil der Frauen zu Krisen führen.
Ist Brustkrebs die moderne Geißel der Frau?
Brustkrebs ist eine Geißel der Frau, da er die häufigste bösartige
Erkrankung der Frau darstellt. Die Erkrankungen an Brustkrebs nehmen
in Deutschland wie in Gesamteuropa und USA deutlich zu, während
in manchen Ländern, wie z.B. Japan, Brustkrebs sehr selten ist.
Wir kennen viele Risikofaktoren, jedoch keine sichere Möglichkeit
der Vorbeugung von Brustkrebs. Aber trotz steigender Erkrankungshäufigkeit
steigt die Zahl der Todesfälle durch Brustkrebs nicht an. Ganz entscheidend
wichtig für die Frauen ist, dass die Diagnose Brustkrebs kein Todesurteil
ist, dass durch bessere Früherkennung und durch viele unterschiedliche
und neue Behandlungsmöglichkeiten bei vielen Frauen der Brustkrebs
geheilt werden kann.
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Interview

Frau Prof.Dr.med.Dr.med. habil.Elisabeth
Merkle ist Ärztliche Direktorin der Städt. Frauenklinik Berg, Stuttgart,
sowie Leiterin der dortigen Hebammenschule.Sie hat einen Lehrauftrag
an der Universität Tübingen.Sie ist Mitglied der Vorstandschaf der
Oberrheinischen Gesell- schaft für Gynäkologie und Geburtshilfe
sowie der Vorstandschaft der Arbeitsge- meinschaft der Chefärztinnen
und Chefärzte der Gynäkologie in Deutschland.Sie ist Visitor der
Bundesärztekammer (Qualitätsmanagement). Sie ist 47 Jahre alt und
ver- heirate.
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